Orts‑ und Pfarrgeschichte. Einiges spricht dafür, das 860 anläßlich einer Schenkung an das Kloster St. Gallen genannte ,Werimbretiscella'' mit dem 600 Jahre später erwähnten ,Ruhenzell" gleichzusetzen. Der Ort stand seit dem 14. Jh. unter der Herrschaft der Herren von Laubenberg (Burgen Rauhlaubenberg und Laubenbergerstein, Schloß Rauhenzell) und ging als Teil der Herrschaft Laubenberg (u. a. Stein, Bräunlings, Unter‑ und Obereinharz) 1647 auf die aus Vorarlberg stammende und 1718 in den Reichsfreiherrenstand erhobene Familie von Pappus‑Trazberg über, die mit der Aufhebung der Reichsritterschaft 1806 die Landeshoheit des Königreiches Bayern anerkennen mußte. Innerhalb des Patrimonialgerichts Rauhenzell konnte der Freiherr bis 1848 die niedere Gerichtsbarkeit und die Polizeigewalt ausüben. Wegen zu geringer Einkünfte wurde die kleine Pfarrei 1620 mit der Pfarrei* Agathazell vereinigt. 1746 erhöhten die Brüder Joseph Anton und Johann Eustach von Pappus‑Trazberg dieses Einkommen, so daß der Bischof von Augsburg wieder die Trennung von Agathazell vollziehen konnte. Der Kirchensatz stand den Herren von Laubenberg, ab 1647 den Herren von Pappus‑Trazberg und bis zur Aufhebung 1988 dem Freiherrn von Lerchenfeld zu. Seit 1928 wird Rauhenzell von den Priestern (bis 1980 waren es hauptsächlich die Kapuziner) der Stadtpfarrei Immenstadt vikariert. Rauhenzell gehörte seit den ältesten Zeiten zum Bistum Augsburg und zum Dekanat Kempten, seit 1974 zum Dekanat Sonthofen. Ende 2005 zählte der Ort 576 Einwohner, von denen 352 römisch‑katholisch waren.
Baugeschichte. Am Turm weisen vier Schallöffnungen mit je zwei Rundbogen auf die Romanik des 13. Jh. Auch die Umfassungsmauern des Langhauses dürften aus dieser Zeit stammen, während der Chor als Folge einer Erweiterung der Kirche dem späten 15. Jh. angehört. 1693/94 erfolgte ein grundlegender Umbau, bei dem die Ostmauer des Turms bis zur Decke der heutigen Empore weggebrochen, die Mauerkrone um etwa 1 m erhöht, der Chor gewölbt (bisher Holzdecke), die Lage der Fenster verändert und auch Fresken beseitigt wurden. Das 1900 um ein weiteres Geschoß aufgestockte Verzeichen wurde 1975 abgebrochen und neu errichtet. 1906 Neubau der Sakristei und des darüberliegenden Oratoriums.
Künstler und Handwerker. Den Umbau von 1693/94 führte Maurermeister Jakob Schneider aus Immenstadt, die Restaurierung mit Umbau der Kemptener Bauamtmann Ferdinand Schildhauer durch. ‑ Als Bildhauer und Altarbauer (Schreiner) waren tätig Nikolaus Babel (1643 ‑1728) aus Pfronten (arbeitete u. a. in Hinterstein, Hinterreute, Vorderburg, Niedersonthofen), Franz Roth aus Immenstadt (Frauenkapelle Fischen), Adam Hipp aus Beilenberg (Hinang, Schöllang), Marmorierer und Stukkator Hans Luibenstein aus Sonthofen (gest. um 1720) vermutlich Helfer der Stukkatoren Haggenmiller in der Pfarrkirche Immenstadt. ‑ Leopold Bösinger aus Rettenberg war ein gesuchter Faßmaler (u. a. in Fischen, Hindelang, Hinang, Imberg, Liebenstein). Von den drei Altarblättern schuf ein Bild Franz Georg Hermann (1692‑1768). Nach seiner langjährigen Ausbildung in Rom war es das erste des später zum fürstäbtlich‑kemptischen Hofmaler aufgestiegenen Künstlers. Ein weiteres Gemälde stammt von Matthäus Zehender(1641 ‑1697) aus Bregenz. Da er
Renovierungen.
Die Restaurierung 1900‑1907 erstreckte
sich neben den baulichen Veränderungen auf die Ausmalung des Chors, Neufassung
der Einrichtung und die Einbringung eines neuen Bodenbelags. Weitere
Renovierungen erfolgten 1953 (auch Übermalung der Kassettendecke) und umfassend
1982/83 (Freilegung der Decke, Neufassung und Restaurierung von Kanzel, Altären
und Kirchengestühl, Auftragen eines neuen Verputzes). Außenrenovierung 1990.

Raum. Das durch drei Fenster bestens belichtete Schiff erweitert sich im Westen um das Untergeschoß des Turms und mündet im Osten mittels eines Rundbogens in den eingezogenen Chor mit Tonnengewölbe.
Äußeres. Die Kirche steht auf der vorgeschobenen Zunge eines Plateaus, das steil nach Süden, Westen und Norden abfällt. Drei Anbauten (halbrundes Vorzeichen, Sakristei und Aufgang in den Chor) unterbrechen den gedrungenen Baukörper mit dreiseitigem Chorschluß. Die Wände des gedrungen wirkenden Turms mit Satteldach werden durch Schlitze, vier Schallöffnungen und drei Zifferblätter gegliedert (östl. Zifferblatt mit Wappen der Freiherren von Lerchenfeld). Gegenüber dem Eingang befindet sich die Grabkapelle der Familien von Pappus‑Trazberg und von Lerchenfeld (1903/04).
Bedeutung. Die von der ehemaligen adeligen Ortsherrschaft ausgestattete Kirche gehört zu den wenigen Gotteshäusern im Allgäu, deren Bausubstanz noch bis ins hohe Mittelalter zurückreicht. Schwarze Altäre mit leuchtenden Goldauflagen beherrschen den kleinen Raum und dokumentieren einen Barock, wie er in Dorfkirchen nicht häufig anzutreffen ist. Eine Kostbarkeit stellen die Figuren aus der Spätgotik dar. Sie lassen ahnen, daß der Raum vor 1690 völlig anders ausgesehen haben muß. Das reizvolle Keramikpflaster ist eine Seltenheit.
